In der CDU/CSU wird laut Medienberichten über die Möglichkeit eines Kanzlertauschs spekuliert, bei dem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst den Parteivorsitzenden Friedrich Merz ablösen könnte.

Das Stern-Magazin und die Bild-Zeitung berichten übereinstimmend, dass in der Union über einen möglichen "Kanzlertausch" getuschelt werde. Die Überlegungen sehen in dem 50-jährigen Wüst eine Figur, die frischen Schwung bringen und den Reformstau auflösen könnte. Diese Spekulationen fallen in eine Zeit, in der sich die politische Landschaft in Berlin neu sortiert und die Frage nach künftigen Koalitionsoptionen an Dringlichkeit gewinnt.

Die grüne Perspektive und das Ende des "Grünen-Bashings"

Die Grünen haben nach dem Bruch der rot-gelb-grünen Koalition 2024 kein Hehl daraus gemacht, dass sie gerne weiterregiert hätten. Vor diesem Hintergrund werden die innerparteilichen Diskussionen in der Union von der Ökopartei mit besonderem Interesse verfolgt. Katharina Dröge, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, kommentierte die Entwicklung mit einer Mischung aus Skepsis und verhaltener Hoffnung.

"Man hat ein bisschen den Eindruck, die CDU flüchtet gedanklich aus der Koalition mit der SPD", sagt Katharina Dröge, Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, und betont: "Wenn die Union erkennt, dass ihr Grünen-Bashing ein Fehler war, ist das ein Fortschritt."

Das von Dröge angesprochene "Grünen-Bashing" kam in der Union von ganz oben. Merz hatte die Grünen 2023 noch als "Hauptgegner" bezeichnet und wetterte im Wahlkampf vor der Bundestagswahl 2025 gegen "grüne und linke Spinner". Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fand klare Worte.

Und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fand: "Die Grünen gehören von der Regierungs- auf die Oppositionsbank."

Mittlerweile jedoch gibt es verstärkte Kontakte zwischen Union und Grünen. Baden-Württembergs grüner Finanzminister Danyal Bayaz sieht in einer stabilen CDU der rechten Mitte einen potenziellen Partner für künftige Koalitionen, auch im Bund.

"Eine stabile CDU der rechten Mitte ist wichtig für unser Land. Eine solche CDU und die Grünen können potenzielle Partner sein und künftige Koalitionen auch im Bund bilden", sagt Baden-Württembergs grüner Finanzminister Danyal Bayaz im Spiegel über den schwarz-grünen Frühling.

Den grünen Anspruch für Berlin formulierte Bayaz konkret: "Bei zentralen Themen des Sozialstaats – wie etwa bei der Rente und der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes – Teil der Lösung zu sein". Als Hindernis gilt vielen bei den Grünen jedoch die Klimapolitik. Mit "AKK", die einen liberaleren Kurs verfolgte, können viele bei den Grünen besser als mit Merz.

Das angespannte Verhältnis zwischen Merz und Wüst

Das Verhältnis zwischen Friedrich Merz und Hendrik Wüst gilt seit längerem als belastet. Auslöser von Merz' Ausbruch in einem ZDF-Interview war die Frage von Moderator Theo Koll. Wüst hatte zuvor mit einer vielsagenden Formulierung Spekulationen über seine Ambitionen genährt.

"Meine Aufgaben liegen aktuell in NRW", lautete die Wüst-Floskel damals.

Das Wort "aktuell" dürfte auch Merz registriert haben. Noch mehr Groll hatte Wüst bei Merz mit einem Gastbeitrag in der "FAZ" ausgelöst. "Das Herz der CDU schlägt in der Mitte", lautete der Titel des Textes, in dem Wüst die Ära Merkel würdigte. So habe Merkel "durch eine Politik von Modernität, Mitte und Ausgleich […] die Regierungs- und Mehrheitsfähigkeit der CDU" gesichert. Merz hingegen sah seine Partei von 16 Jahren Kanzlerin Merkel belastet und wollte "durchlüften und erneuern".

Gegenüber Parteifreunden habe Merz Wüsts "FAZ"-Gastbeitrag gar als "Kriegserklärung" und "Fehdehandschuh" bezeichnet, berichtete die "Zeit".

Trotz dieser Spannungen bemühen sich beide um öffentliche Harmonie. Beim Sommerfest der NRW-Landesvertretung schoben sie sich Seit' an Seit' durch die Menge, lächelten, prosteten sich zu. Als "lieben Friedrich Merz" begrüßte Wüst seinen Parteifreund. Merz wiederum beklagte eine "große Verunsicherung in der Bevölkerung in ganz Deutschland, übrigens auch in Nordrhein-Westfalen".

"Wenn wir heute in NRW Landtagswahlen hätten, wäre die AfD fast so stark wie im Bund", sagt er: "Die Unzufriedenheit auch in den Ländern, auch leider in NRW […] mit der Landesregierung ist fast genauso groß wie mit der Bundesregierung."

Merz ließ diese Worte anschließend per Twitter verbreiten. In den beiden letzten Umfragen von April und Mai liegt die CDU in NRW bei 34 beziehungsweise 32 Prozent, also klar besser als im Bund. Die Grünen werden bei rund 16 Prozent taxiert, sodass die Koalition eine Mehrheit hätte, was ungewöhnlich ist in diesen Zeiten.

Scharfe Zurückweisung aus dem Merz-Lager

Das Umfeld von Friedrich Merz reagierte am Mittwoch ungehalten auf die Spekulationen. Ein Kanzlerwechsel sei "eine naive Idee", hieß es. Sie zeuge von einer "gefährlichen Lust an der Zündelei". Besonders bemerkenswert ist ein Wortspiel aus dem Merz-Umfeld mit Anspielung auf den NRW-Ministerpräsidenten: Die "wüste Spekulation" zeuge von bemerkenswerter Unkenntnis der Verfassung und der politischen Realität. Die Verwendung des Wortes "wüste" kann man interpretieren als eine Schuldzuweisung an Wüst.

"Hier wird die Stabilität im Bundestag gefährdet", heißt es im Merz-Umfeld.

Angesichts der Weltkrisen sei das "doppelt fahrlässig". Merz' Vorgänger Olaf Scholz (SPD) und Angela Merkel (CDU) hätten die jüngsten Spekulationen wohl unkommentiert gelassen. Belege aber dafür, wonach Wüst an Merz' Stuhl säge, gibt es nicht. Auch der Tagesspiegel hatte eine Reise Wüsts begleitet und seinen Text am 20. Mai überschrieben mit der Schlagzeile: "Unterwegs mit dem Ersatz-Kanzler".